Das Milliarden-Paradox des Reitsports – und warum die Industrie jetzt handeln muss - DIE REITSPORT-KRISE
- ART-BOX Copywriter

- vor 2 Tagen
- 13 Min. Lesezeit
Eine umfassende Analyse zur größten Krise der Branche – mit konkreten Lösungen
Die Reitsport-Industrie in Deutschland erwirtschaftet jährlich rund 6,7 Milliarden Euro Umsatz. Mehr als 10.000 Unternehmen – vom Handwerksbetrieb bis zum Dienstleister – haben das Pferd als Haupt-Geschäftsgegenstand. Über 1,3 Millionen Pferde leben in Deutschland, rund 3,89 Millionen Menschen betreiben den Sport aktiv.
Doch während die Branche glänzt, bröckelt die Basis. Der Fachhandel kämpft ums Überleben. Turniere verschwinden. Nachwuchs bricht weg. Und die Verantwortlichen? Sie verweisen aufeinander.
Es ist Zeit, die Krise beim Namen zu nennen: Die Industrie hat die Hebel in der Hand – und sie zieht nicht.

Teil 1: Die Dreiklassengesellschaft und ihre fatalen Folgen
Der Reitsport hat sich in drei Lager gespalten: Freizeitbereich, Amateursport und Profiliga. Die Industrie konzentriert ihr Sponsoring auf die glamouröse A-Schiene – die großen Turniere, die Top-Reiter, die internationalen Events.
Das Argument der großen Marken: "Auf Breitensportveranstaltungen machen wir keine Umsätze. Warum sollten wir dort investieren?"
Diese Logik ist nicht falsch – sie ist kurzsichtig.
Denn der Fachhandel – die Loesdaus, Equivas, Krämers dieser Republik – lebt von der Basis, nicht vom Profisport. Und wenn die Basis abstirbt, weil niemand in sie investiert, stirbt der Handel mit ihr.
Wolfgang Brinkmann, Unternehmer und Vertreiber von Modemarken im Pferdesport, brachte es auf den Punkt: "Unser Sport in Deutschland lebt vom Breitensport. Der Pferdesport ist zu elitär geworden." Er forderte eine Kommission bei der FN – "aber bitte keine Besetzung mit Funktionären". Brinkmann stellte außerdem fest, dass es nach den Gewinnen aus den Corona-Jahren bergab geht: "2020 war unser bestes Jahr."
Teil 2: Was die Zahlen über die Krise verraten – eine Bestandsaufnahme
Die Turnierstatistik der FN für 2025 zeichnet ein düsteres Bild:
Veranstaltungen: Von jährlich rund 3.500 Turnieren in den vergangenen zehn Jahren waren 2025 nur noch 3.138 übrig – ein Rückgang von neun Prozent.
Prüfungen: Die Anzahl der Turnierprüfungen ging um 0,5 Prozent auf 56.686 zurück. Im Vergleich zu den letzten sechs Jahren hat sich die Anzahl der Prüfungen um 14,5 Prozent verringert.
Starts: 2025 wurden 1.078.453 Turnierritte verzeichnet – ein geringer Rückgang von 0,2 Prozent gegenüber 2024. Doch Leonie Kalthoff, Leiterin des Teams Turniersport bei der FN, warnt: "Im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit ist es allerdings ein Minus von fast 20 Prozent und verdeutlicht uns den Ernst der Lage."
Jahresturnierlizenzen: 2023 wurde erstmals die Marke von 70.000 unterschritten. Der Abwärtstrend setzt sich fort – von 68.425 (2024) auf 66.729 (2025) . Wer keine Lizenz hat, startet nicht – und wer nicht startet, wird nicht entdeckt.
Anteil männlicher Turnierreiter: 2025 sind nur noch gut elf Prozent der Turnierreiter männlich (7.631) . Vor 20 Jahren waren es noch rund 20 Prozent.
Schnupperlizenzen: Nach einem Plus von knapp 14 Prozent im Jahr 2024 gingen auch diese 2025 zurück – von 5.447 auf 5.148 beantragte Lizenzen, ein Minus von 5,5 Prozent.
Der einzige Lichtblick: Die Zahl der neu registrierten Turnierpferde stieg 2025 auf 21.326 – ein Plus von 4,8 Prozent gegenüber 20.343 im Vorjahr. Diese erfreuliche Entwicklung wird jedoch durch den Rückgang bei den Fortschreibungen um 2,1 Prozent auf 114.320 relativiert.
Teil 3: Der DACH-Raum im Überblick – Deutschland, Österreich und Schweiz im Zahlenvergleich
Die Reitsport-Krise des Breitensports ist kein rein deutsches Phänomen. Ein Blick auf die Nachbarländer Österreich und Schweiz zeigt: Die Herausforderungen sind ähnlich, die konkreten Zahlen unterscheiden sich teils deutlich. Die Verbände – FN in Deutschland, OEPS in Österreich und Swiss Equestrian (ehemals SVPS) in der Schweiz – kämpfen mit denselben strukturellen Problemen: schrumpfende Turnierlandschaft, nachlassende Mitgliederbindung und eine Industrie, die sich aus der Basisverantwortung stehlen möchte.
Deutschland – Der größte Markt mit den größten Sorgen
Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) ist mit 662.926 Mitgliedern (Stand 2024) der weltweit größte Pferdesport-Dachverband und rangiert innerhalb des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) an neunter Stelle . Doch der Schein trügt.
Die harten Fakten:
Mitgliederentwicklung: Während die Gesamtzahl weitgehend stabil bleibt, zeigt der Blick in die Details Besorgniserregendes. Die Zahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 26 Jahre ging um 1,23 Prozent auf 295.780 zurück . Vor allem die ostdeutschen Verbände können leichte Zuwächse verbuchen, während Baden-Württemberg, Hessen und Westfalen Mitglieder verlieren .
Die weibliche Dominanz: Frauen machen mit 536.647 Mitgliedern rund 81 Prozent der FN-Mitglieder aus . Männer (126.173) sind nur noch gut 23 Prozent – und ihr Anteil sinkt seit Jahren. 2007 waren es noch 200.533 männliche Mitglieder, das entspricht einem Rückgang von mehr als einem Drittel (-34,28 Prozent) . Diese Verschiebung ist nicht nur ein demografischer Trend, sondern ein Warnsignal: Jungen und Männer wenden sich vom Reitsport ab.
Turniersport im freien Fall: 2024 wurden 3.244 Turniere (Vorjahr: 3.428) mit 56.975 Prüfungen und 1.081.008 Starts ausgetragen . Im Vergleich zu 2019, also vor der Corona-Pandemie, sind das rund 323 Turniere weniger und etwa 260.000 Starts weniger . Die Zahl der Jahresturnierlizenzen sank von 69.635 (2023) auf 68.425 (2024) – vor Corona waren es noch 80.342 .
Zucht in der Krise: Die Zahl der registrierten Fohlen sank von 28.600 (2023) auf 25.594 (2024) , die der Zuchtstuten von 52.276 auf 50.195 . Die Bedeckungen gingen von 30.894 (2022) auf 23.809 (2024) zurück . Das ist keine Delle, das ist ein struktureller Einbruch.
Wirtschaftsfaktor: Dennoch bleibt Deutschland mit rund 6,7 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 10.000 Unternehmen, die das Pferd als Haupt-Geschäftsgegenstand haben, der mit Abstand größte Markt im DACH-Raum .
Österreich – Kleiner, aber mit ähnlicher Dynamik
Der Österreichische Pferdesportverband (OEPS) zählt nach eigenen Angaben knapp 50.000 Mitglieder in neun Landesverbänden und gehört damit zu den zehn größten Sportfachverbänden innerhalb der Sport Austria . Die Entwicklung zeigt ein gemischtes Bild.
Die Zahlen im Detail:
Mitgliederentwicklung: 2017 wurden 48.149 Reitvereinsmitglieder gezählt – damals ein Fünfjahreshoch. Der bisherige Höchststand wurde 2010 mit 48.752 Mitgliedern erreicht . Aktuelle öffentliche Zahlen für 2025/2026 liegen nicht vor, die Struktur ähnelt jedoch der Deutschlands.
Vereine und Turniere: Der OEPS verzeichnete 1.397 Vereine (2017) und 485 Turniere, ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr (474) . Die Zahl der Reit- und Fahrlizenzen stieg von 6.808 (2016) auf 7.144 (2017) .
Turnierstarts: Hier zeigt sich ein alarmierender Trend: Die Turnierstarts gingen um 3,7 Prozent auf 98.856 zurück . Dieser Rückgang spiegelt die deutsche Entwicklung wider – ein Hinweis auf die strukturell gleichen Probleme.
Pferdebestand: In Österreich leben laut aktuellen Schätzungen über 95.200 Pferde (2025), ein Anstieg von über 12 Prozent seit 2020 . Niederösterreich führt mit 342 Reitanlagen (rund 30,5 Prozent aller österreichischen Betriebe), gefolgt von Oberösterreich (198) und der Steiermark (167) .
Disziplinen: Dressurreiten ist mit über 34.000 aktiven Mitgliedern die beliebteste Disziplin, gefolgt von Springreiten und Working Equitation – letztere hat sich seit 2020 mehr als verdoppelt .
Schweiz – Der Verband im Wandel
Die Schweiz hat 2023 einen tiefgreifenden Wandel vollzogen: Aus dem Schweizerischen Verband für Pferdesport (SVPS) wurde Swiss Equestrian – ein strategischer Neustart mit der "SVPS 2030"-Strategie .
Die harten Fakten:
Mitgliederstruktur: Swiss Equestrian zählt (Stand 2023) 1.071 Athleten, 154 Offizielle und 2.684 Pferde im direkten Verbandsbereich . Die Gesamtzahl der aktiven Pferdesportler liegt jedoch weit höher – Schätzungen gehen von über 100.000 Personen aus, die regelmäßig pferdesportliche Aktivitäten ausüben. Auffällig: In der Schweiz sind rund 64 Prozent der Reiter nicht in einem Verein organisiert – der höchste Anteil im DACH-Raum.
Pferdebestand: Über 100.000 Pferde leben in der Schweiz – so viele wie vor 100 Jahren. Der Bestand wächst laut Schweizer Quellen sogar leicht .
Wirtschaftsfaktor: Die Branche erwirtschaftet einen geschätzten Umsatz von 1,67 Milliarden Euro und sichert rund 12.900 Vollzeitstellen. Die Lebenshaltungskosten und das Preisniveau sind in der Schweiz jedoch deutlich höher als in Deutschland oder Österreich.
Verbandsstruktur: Swiss Equestrian versteht sich als Kompetenzzentrum für das gesamte Pferdewesen – vom Breitensport bis zum Spitzensport. Die Website betont: "Swiss Equestrian ist der Dachverband für den Pferdesport in der Schweiz, vom Breitensport bis zum Spitzensport, und das Kompetenzzentrum für alle Akteurinnen und Akteure der Pferdewelt" .
Der gemeinsame Nenner: Fünf drängende Probleme im DACH-Raum
Die Daten zeigen, dass die Herausforderungen im gesamten DACH-Raum strukturell identisch sind, auch wenn die konkreten Zahlen variieren:
Die klassischen Turniere sterben leise: Besonders die kleinen, ehrenamtlich getragenen Veranstaltungen verschwinden – aus Kostendruck und Personalmangel. In Deutschland sank die Zahl der Turniere um neun Prozent allein im letzten Jahr . In Österreich sind die Starts rückläufig .
Die Finanzierung der Basis fehlt: Während in den Profi-Ligen hohe Preisgelder und Sponsoring fließen, fehlt es an nachhaltigen Investitionen in den Amateur- und Freizeitsport – in allen drei Ländern.
Nachwuchssorgen: In Deutschland sinken die Jugendzahlen (minus 1,23 Prozent) und die männlichen Mitglieder brechen weg (minus ein Drittel seit 2007) . In Österreich stagnieren die Lizenzen bei gleichzeitig rückläufigen Starts . In der Schweiz zeigt sich der demografische Wandel weniger deutlich, die organisierte Basis ist jedoch kleiner.
Kostenexplosion: Futter, Tierarzt, Hufschmied, Einstreu – die gestiegenen Lebenshaltungs- und Betriebskosten treffen Reiter und Veranstalter gleichermaßen hart. "Die Kosten in der Pferdehaltung sind durch den Mindestlohn sehr stark gestiegen", bestätigt Otto Becker, Cheftrainer der deutschen Springreiter .
Die Verbände in der Defensive: Die FN schloss 2024 mit einem Defizit von 976.000 Euro ab, Präsident und Finanzkurator traten zurück . Der OEPS kämpft mit den gleichen Strukturproblemen wie die deutschen Landesverbände. Swiss Equestrian hat immerhin den strategischen Neustart gewagt – doch die Frage bleibt, ob eine neue Name reicht.
Fazit: Ein DACH-Raum, ein Problem
Die Zahlen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erzählen dieselbe Geschichte: Die Basis des Reitsports bröckelt, während die Industrie Milliarden umsetzt. Die Verbände haben es nicht geschafft, die Industrie in die Pflicht zu nehmen. Es gibt keine verbindlichen Regelungen, keine Förderauflagen, keine klaren Erwartungen – weder bei der FN, noch beim OEPS, noch bei Swiss Equestrian.
Die einzige echte Chance zur Wende liegt in einer gemeinsamen Strategie des gesamten DACH-Raums: Wenn Verbände, Industrie und Handel endlich an einem Strang ziehen und den Breitensport als das begreifen, was er ist – die unverzichtbare Basis für die gesamte Branche.
Teil 4: Der Handel – warum er als erster fällt
Die Krise des Breitensports hat den Fachhandel längst erreicht – mit existenziellen Folgen.
Die Insolvenz der Reitsport GmbH in Unna
Ein besonders deutliches Beispiel: Die Reitsport GmbH in Unna mit geschätzt 10 Millionen Euro Umsatz und 100 Mitarbeitern befindet sich in der Insolvenz. Der Betrieb liegt seit Jahren still. Die Insolvenz hat sich zuletzt weiter zugespitzt, es wurde eine "Masseunzulänglichkeit" festgestellt. Das Unternehmen, das einst eine 150.000 Quadratmeter große Reitanlage betrieb, ist eines von vielen, das die Krise nicht überlebt hat.
Weitere Insolvenzen im Handel
Die Horse & Rider Reitsportfachhandels GmbH in Eyendorf meldete ebenfalls Insolvenz an. Auch der renommierte Bünder Hersteller von Reitsport-Hindernissen, das Unternehmen Caro, meldete Insolvenz an – ein Betrieb, der seit 1988 Hindernisse für Olympische Spiele, Europameisterschaften und Weltreiterspiele geliefert hatte.
Die Reihe der Insolvenzen zeigt: Der Fachhandel, der auf die Masse der Freizeitreiter angewiesen ist, hat keine Lobby. Er hat keine Milliarden-Marketing-Budgets. Er hat nur die Kunden – die verschwinden.
Die Rechnung ist brutal
Die Industrie investiert nicht in den Breitensport.
Der Breitensport verliert an Attraktivität – weniger Turniere, weniger Teilnehmer, weniger Zuschauer.
Die Reiter in der Basis ziehen sich zurück, weil sie sich den Sport nicht mehr leisten können.
Der Fachhandel, der genau diese Basis als Kunden hat, verliert seine Umsätze.
Die Händler können keine Sponsoring-Anfragen mehr bedienen, weil sie selbst in der Krise stecken.
Die Industrie verliert ihren Vertriebskanal.
Ein Einkaufsverband wie Euroriding riet seinen Mitgliedern bereits für 2026: "Marge vor Umsatz! 2026 sollte nicht primär über Umsatzwachstum gesteuert werden. Wichtiger sind Rohertrag, Lagerumschlag, Retourenquote und Liquidität." Das klingt nicht nach einer Branche im Aufschwung, sondern nach Überlebensstrategie.
Teil 5: Die Kostenexplosion und ihre Auswirkungen
Die gestiegenen Kosten treffen Veranstalter und Reiter gleichermaßen. "Die Kosten in der Pferdehaltung sind durch den Mindestlohn sehr stark gestiegen. Auch die Impfungen bei den Tierärzten sind teurer geworden. Da überlegen sich viele, ob sie ein Pferd kaufen oder sich nur beteiligen", erklärt Otto Becker, Cheftrainer der deutschen Springreiter.
Veranstalter sprechen von Kostensteigerungen von mehr als 25 Prozent seit der Corona-Pandemie, in einigen Bereichen von deutlich mehr. "Die derzeitige Wirtschaftslage ist nicht gerade rosig. Die Unternehmen sparen und fangen bei den unnötigen Dingen an. Und da gehört Sponsoring eben dazu", erklärt Peter Hofmann, Turnierdirektor des Mannheimer Maimarkt-Turniers.
Teil 6: Die Entwicklung der Profiliga und das Problem mit der Wahrnehmung
Das Problem wird durch die Entwicklung im Spitzensport noch verschärft. Während die Basis schrumpft, locken im Ausland Fünf-Sterne-Turniere mit Millionen-Preisgeldern. "In den USA, Shanghai, Marokko oder Abu Dhabi locken Fünf-Sterne-Turniere mit Millionen-Preisgeldern." "Wenn du vorankommen willst, musst du reisen", sagt Otto Becker. "Die Turniere sind weltweit. Es gibt viele Angebote, das ist erfreulich."
Die Folge: In Deutschland gibt es 2026 nur fünf Fünf-Sterne-Turniere – so wenig wie noch nie. Hoch dotierte Veranstaltungen wie in Bremen, Hannover, Kiel, München oder Berlin sind längst Geschichte. Auch den Mittelbau mit Braunschweig, Offenburg, Oldenburg, Spangenberg oder Donaueschingen gibt es nicht mehr.
Die Deutsche Reiterliche Vereinigung erlebt 2026 zudem die Blamage, keinen Nationenpreis auf Fünf-Sterne-Niveau zu haben. Ein Fünf-Sterne-Nationenpreis erfordert laut FN-Vorstandsvorsitzendem Dennis Peiler "langfristige, stabile Partnerschaften zwischen Veranstaltern und Sponsoren". Genau diese fehlen.
Teil 7: Der Shitstorm und das Imageproblem
Die gesellschaftliche Akzeptanz des Reitsports leidet massiv unter Skandalen. Eine Doku von team.recherche zeigt Undercover-Aufnahmen von Tierschutzverstößen auf Turnieren. Thematisiert werden die umstrittene Rollkur, übermäßiger Sporen- und Gerten-Einsatz und die Frage, warum Richter oft nicht eingreifen . Auch der YouTuber Jonas Ems übt harte Kritik am Reitsport und erntet dafür einen großen Shitstorm.
Bei internationalen Reitturnieren sind 2024 15 Pferde in den olympischen Disziplinen gestorben – im Vorjahr waren es noch 19. Die meisten Todesfälle gab es im Springen. Bei der deutschen Meisterschaft der Vielseitigkeitsreiter in Luhmühlen musste im Juni 2025 erneut ein Pferd eingeschläfert werden. PETA erstattete Anzeige und forderte ein Verbot der Veranstaltung.
Die Kritik trifft vor allem den Profisport. "Im Sport der Großen hat der Ruf bestimmt gelitten, im ländlichen Bereich aber nicht", sagt Johannes Pellander, Vorsitzender des RV "Graf Haeseler" Sonsbeck-Labbeck. Die Profis stünden unter enormem Erfolgsdruck.
Teil 8: Ein Gedankenexperiment
Stellen Sie sich vor: In zehn Jahren gibt es nur noch eine Handvoll großer Turniere, die von wenigen Multimillionären finanziert werden. Die Teilnehmer sind dieselben Gesichter, die Pferde dieselben teuren Importe. Der Nachwuchs fehlt. Die Vereine sind geschlossen. Die Turnierveranstalter haben aufgegeben.
Die Industrie hat dann zwei Probleme:
Keine neuen Kunden: Wer kauft noch Sättel, Trensen, Stiefel und Futter, wenn der Großteil der Reiter ausgestiegen ist?
Keine neuen Gesichter: Wer wirbt noch für die Produkte, wenn es keine neuen Stars mehr gibt?
Die Rechnung ist einfach: Ohne Breitensport keine Breitenwirkung. Ohne Breitenwirkung keine Markenbekanntheit. Ohne Markenbekanntheit keine Umsätze.
Die wenigen, die bleiben, brauchen die Industrie nicht mehr. Sie sind selbst so vermögend, dass sie auf Sponsoring nicht angewiesen sind. Sie kaufen, weil sie mögen – nicht, weil sie müssen.
Teil 9: Was die Industrie jetzt tun muss – konkrete Lösungsbeispiele
Es geht nicht um Almosen. Es geht um eine Investition in die eigene Zukunft. Die Industrie hat die Hebel in der Hand – und sie muss sie jetzt ziehen.
1. Förderfonds für die Basis
Die Industrie sollte sich zu einem festen Prozentsatz ihres Umsatzes für den Breitensport verpflichten. Diese Mittel fließen in verbilligte Turnierteilnahmen, Förderung von Vereinsinfrastruktur, Ausbildungsprogramme für junge Reiter. Ein Vorbild könnte die Stiftung Deutscher Pferdesport sein, die bereits heute Gelder für Nachwuchsarbeit sammelt. Eine verpflichtende Abgabe – ähnlich der Kulturförderabgabe in anderen Branchen – würde die Industrie in die Verantwortung nehmen.
2. Regionale Partnerschaften fördern
Das Beispiel der Longines Luhmühlen Horse Trials zeigt, wie es gehen kann: Ein regional verwurzeltes Unternehmen sicherte sich das Hauptsponsoring, mit der Begründung: "Themen, die die Menschen hier bewegen, liegen uns am Herzen – und der Pferdesport gehört eindeutig dazu." Dieses Prinzip lässt sich auf jedes kleine und mittlere Turnier übertragen – Tierärzte, Futterhändler, Autohäuser, Banken sind natürliche Partner vor Ort.
Die Industrie sollte regionale Sponsoring-Pools auflegen, in denen sich mehrere Unternehmen zusammenschließen, um ein Turnier oder einen Verein zu fördern. Das erhöht die Sichtbarkeit für alle Beteiligten und verteilt die Kosten.
3. Nachwuchsprogramme mit klaren Förderlinien
Die Industrie muss strukturierte Nachwuchsprogramme finanzieren – nicht als einmalige Aktion, sondern als dauerhafte Einrichtung. Dazu gehören:
Stipendien für junge Reiter aus nicht-wohlhabenden Familien
Vergünstigte Ausrüstung für Vereine und Schulpferdeställe
Trainingslager und Lehrgänge mit Top-Trainern
Talent-Sichtungen auf Breitensport-Turnieren
Die HKM-Bundeschampionate zeigen, wie es gehen kann: Der Ausstatter sicherte sich das Titelpatronat für das wichtigste Nachwuchsturnier für junge Pferde. Gleichzeitig engagiert sich HKM "seit vielen Jahren für den Breitensport und im Bereich der Schulpferde". Das ist genau die richtige Zwei-Säulen-Strategie.
4. Den Handel stärken
Der Fachhandel ist der Vertriebskanal der Industrie. Wenn er stirbt, sterben die Marken mit ihm. Es braucht Modelle, die den Handel in die Lage versetzen, seine Kunden – die Basis – zu halten und zu fördern.
Konkrete Maßnahmen:
Handelsförderprogramme: Die Industrie unterstützt den Handel mit Marketing-Mitteln für lokale Veranstaltungen.
Kooperationsmodelle: Händler werden zu Partnern von Nachwuchsprogrammen und erhalten im Gegenzug Sonderkonditionen.
Austauschplattformen: Regelmäßige Treffen zwischen Industrie, Handel und Verbänden, um Bedarfe und Lösungen zu besprechen.
5. Imagekampagnen für den Breitensport
Die Industrie muss in die positive Darstellung des Reitsports investieren. Nicht nur in die Glamour-Welt der Profis, sondern in die authentische Welt der Vereine, der Freizeitreiter, der Jugend. Hier entsteht die Begeisterung, die Kunden bindet.
Beispiele:
Social-Media-Kampagnen mit echten Geschichten aus dem Breitensport
Dokumentationen über die Arbeit in Vereinen und Schulbetrieben
Wettbewerbe für Vereine mit attraktiven Preisen
6. Verbindliche Richtlinien der Verbände
Die Verbände – FN, FEI und ihre nationalen Pendants – müssen klare Erwartungen an die Industrie formulieren. Das kann bedeuten:
Sponsoring-Richtlinien: Nur wer auch in den Breitensport investiert, darf bei großen Turnieren als Sponsor auftreten.
Transparenzpflicht: Industrieunternehmen legen offen, wie viel sie in die Basis investieren.
Zertifizierungen: Unternehmen, die sich besonders engagieren, erhalten ein Qualitätssiegel.
Fazit: Ein Aufruf zum Umdenken gegen die Reitsport-Krise
Die alleinige Verantwortung für die Krise lässt sich nicht einfach der Industrie zuschieben. Die Kostensteigerungen durch Inflation, Krieg und wirtschaftliche Rezession sind real. Die Demografie und das veränderte Freizeitverhalten tun ihr Übriges.
Dennoch: Die Industrie hat die Hebel in der Hand. Sie ist es, die Milliarden umsetzt. Sie ist es, die über Sponsoring-Budgets verfügt. Sie ist es, die entscheidet, ob sie in die Basis investiert oder nur in die Spitze.
Und genau hier liegt das Versagen der Verbände: FE und FN haben es nicht geschafft, die Industrie in die Pflicht zu nehmen. Es gibt keine verbindlichen Regelungen, keine Förderauflagen, keine klaren Erwartungen. Die Verbände fürchten offenbar zu sehr um ihre Werbepartnerschaften, um klare Grenzen zu ziehen.
Dabei wäre es so einfach: Die Industrie könnte Förderfonds für die Basis einrichten. Sie könnte regionale Partnerschaften fördern, anstatt sich nur auf die großen Events zu konzentrieren. Sie könnte den Fachhandel stärken, der ihr Vertriebskanal ist.
Die Zukunft des Reitsports entscheidet sich nicht auf den großen Turnierplätzen. Sie entscheidet sich auf den kleinen Reitplätzen der Vereine, in den Hallen der Amateure, in den Geschäften der Fachhändler, die von der Basis leben.
Die Milliarden sind da.
Die Frage ist nicht, ob die Industrie es sich leisten kann, in den Breitensport zu investieren. Die Frage ist, ob sie es sich leisten kann, es nicht zu tun.
Denn wenn der Reitsport endgültig zum Luxus gut der Superreichen wird, dann hat die Industrie ihr Publikum verloren. Und ohne Publikum gibt es keine Marken, die überleben.
Quellenverzeichnis
team.recherche: Reitsport – Business und Gewalt an Pferden (2026)
Die Deutsche Wirtschaft: Reitsport GmbH (Unna) im Ranking (2026)
Hellweger Anzeiger: Insolvente Reitsport GmbH von Thomas Wiese in Unna (2026)
Hooforia: Entwicklung des Turniersports in Deutschland (2026)
equi-pages.de: FN gibt Turniersport Zahlen für 2025 bekannt (2026)
Die Glocke: Netzwerk schaffen, um für Pferdesport neue Impulse zu setzen (2025)
ClipMyHorse.TV: Europäische Pferdewirtschaft generiert über 100 Milliarden Euro (2025)
LinkedIn/Pferd International München: Wirtschaftsfaktor Pferd in Deutschland (2024)
Hartmann & Bender: Horse & Rider Reitsportfachhandels GmbH Insolvenz
Westfalen-Blatt: Rothenberger bedauert Caro-Insolvenz (2019)
Hooforia: FN-Jahresbericht 2025 (2026)
Hooforia: FN-Mitgliederzahlen 2025
Pferde verSTEHN Podcast: Die Wut-Folge und Jonas Ems Shitstorm
Sportschau: Turniersterben – Große Sorgen um den deutschen Reitnachwuchs (2026)
RP Online: Reitsport muss sauber bleiben (2008)
Pferde verSTEHN Podcast: Missstände in der Pferdewelt
WELT: Zwischen Millionenserie und Turniersterben (2026)
NDR: Totes Pferd in Luhmühlen – PETA erstattet Anzeige (2025)
SWR: Immer weniger Turniere in Deutschland (2026)
dpa: Reitsport-Bilanz 2024 – Weniger tote Pferde




Kommentare