Wenn der Profisport die Kritik nicht mehr hören will
- ART-BOX Copywriter

- vor 7 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Ein Gedanke zur aktuellen Debatte um Isabell Werth, Social Media und die Verantwortung des Pferdesports
„Das Wort Qualität im Zusammenhang mit Pferden darf ich heute nicht mehr sagen, ohne Reaktionen in den sozialen Medien auszulösen. Das ist inzwischen eine kranke Welt.“
Dieser Satz von Isabell Werth, Deutschlands erfolgreichster Reiterin, ging in den letzten Tagen durch die Medien. Kurz vor der WM in Aachen beklagt sie sich über die Diskussionskultur im Netz, spricht von „Stalkern, die nur ein schlechtes Bild machen wollen“ und fordert eine Regulierung von Social Media.
Ich verstehe den Frust. Ich verstehe, dass es wehtut, wenn die eigene Arbeit, die eigene Leidenschaft, das eigene Lebenswerk öffentlich infrage gestellt wird. Ich verstehe, dass es verletzend ist, wenn Menschen, die keine Ahnung vom Pferdesport haben, sich als Richter aufspielen.
Aber: Wir satteln das Pferd verkehrt herum auf.
Das Problem sitzt nicht in den Kommentaren
Die Frage ist nicht: Warum sind die Leute im Internet so gemein?
Die Frage ist: Warum gibt es überhaupt so viel Kritik am Pferdesport?
Isabell Werth sagt: „Die Position des Pferdes in der Gesellschaft hat sich total verändert, und das ist gut so. Unseren Pferden geht es heute viel besser als früher.“
Das mag stimmen. Aber es ist nicht die Antwort auf die Frage, die die Kritiker wirklich stellen.
Die Frage lautet: Warum sehen wir immer noch Bilder von Pferden mit blutigen Mäulern? Warum gibt es immer noch Berichte über systematische Überforderung, über verbotene Trainingsmethoden, über Tiere, die als Sportgerät behandelt werden?
Solange es diese Bilder gibt, solange es diese Berichte gibt, solange es diese Vorfälle gibt – wird es Kritik geben.
Und zwar zurecht.
Wenn der Profisport sich ins falsche Licht gerückt fühlt
Isabell Werth und ihre Kolleg:innen fühlen sich zu Unrecht kritisiert. Sie sagen: „Wir haben da Stalker, die nur ein schlechtes Bild machen wollen.“ Sie sagen: „80 bis 90 Prozent meiner Kollegen und Kolleginnen empfinden so.“
Ich will nicht abstreiten, dass es Hetzer gibt. Dass es Menschen gibt, die keine Ahnung haben und trotzdem laut schreien. Dass es persönliche Anfeindungen gibt, die nichts mit dem Sport zu tun haben.
Aber: Wenn der Profisport sich ins falsche Licht gerückt fühlt, dann muss er aufhören, diese Möglichkeit zu geben.
Anstatt die Wunden zu lecken und nach Regulierung zu rufen, wäre es wohl an der Zeit, die Kritik und die Kritiker so aufzuklären, dass es nicht mehr zur Kritik kommen muss.
Aber genau da ist das Problem: Das kann man nicht.

Warum man das nicht kann
Man kann Kritik nicht einfach dadurch beenden, dass man sie für ungültig erklärt. Man kann sie nicht dadurch beenden, dass man die Kritiker als „Stalker“ bezeichnet. Man kann sie nicht dadurch beenden, dass man Social Media regulieren will.
Man kann Kritik nur dadurch beenden, dass man ihr den Nährboden entzieht.
Und das geht nur durch radikale Transparenz. Durch lückenlose Dokumentation. Durch klare, unmissverständliche Regeln – und deren strikte Durchsetzung.
Solange es Grauzonen gibt, solange es unklar ist, was erlaubt ist und was nicht, solange es Ausnahmen gibt für die, die „Erfolg haben“ – solange wird es Kritik geben.
Und das ist auch gut so.
Die unbequeme Wahrheit
Isabell Werth hat in vielem recht: Die Diskussionskultur im Internet ist oft enthemmt. Persönliche Angriffe sind nicht okay. Mobbing ist ein ernstes Problem.
Aber: Die Kritik am Pferdesport ist nicht einfach nur „Hass“. Sie ist oft genug begründet. Sie ist oft genug das Ergebnis von Bildern, die wir selbst geliefert haben. Von Vorfällen, die wir selbst zugelassen haben. Von Strukturen, die wir selbst nicht hinterfragt haben.
Und solange das so ist, wird die Kritik nicht verschwinden – auch nicht durch Regulierung von Social Media.
Erst gestern Abend habe ich mich durch einen langen Social-Media-Thread zur WM der jungen Dressurpferde in Verden gelesen.
Und ich muss ehrlich sagen: Ich konnte irgendwann nur noch still nicken.
Es ging in den Kommentaren nicht darum, den Pferdesport abzuschaffen. Es ging nicht darum, das Reiten zu verbieten. Es ging um etwas viel Konkreteres: die Frage, ob wir unsere jungen Pferde nicht zu früh, zu hart und zu viel fordern.
Die Kommentator:innen sprachen von „Kindern“ – von Pferden im Alter von fünf, sechs, sieben Jahren, die in Verden vor großem Publikum und unter dem Druck einer Weltmeisterschaft abliefern mussten. Sie sprachen von Verschleiß.
Und ich? Ich konnte nicht so richtig widersprechen. Innerlich musste ich die Anklagepunkte größten teils abnicken.
Die stille Zustimmung der Community
Was mich an dem Thread so beschäftigt hat, war nicht die Lautstärke der Kritik. Es war die Stille der Zustimmung. Viele Leser:innen schrieben nicht, sie nickten nur. Sie stimmten zu, dass es nicht richtig sein kann, ein fünfjähriges Pferd – dessen Skelett noch nicht einmal vollständig ausgewachsen ist – unter WM-Bedingungen zu präsentieren.
Und sie hatten recht. Und im selben Atemzug tut es mir weh das zu zugeben, aber es ist die Wahrheit!
Es ist unumstritten, dass Pferde in diesem Alter noch nicht so abliefern sollten, wie wir es an diesem Wochenende in Verden gesehen haben. Ausser man sieht es aus der Sicht der Industrie. Denn für die gilt höher, schneller, weiter und das treibt den Preis!
Die Kritik war nicht pauschal. Sie war konkret. Sie war fundiert. Sie war legitim.
Die Kritik an der Jungpferde-WM ist kein Angriff auf den Pferdesport. Sie ist ein Hinweis darauf, dass wir etwas besser machen können. Dass wir die Altersgrenzen hinterfragen sollten. Dass wir die Belastung für junge Pferde reduzieren sollten. Dass wir die Ausbildung fairer und tiergerechter gestalten sollten.
Das ist nicht bequem. Das ist nicht einfach. Aber es ist notwendig.
Isabell Werth hat gesagt: „Die Position des Pferdes in der Gesellschaft hat sich total verändert, und das ist gut so.“ Sie hat recht. Und diese veränderte Position bedeutet auch, dass wir Verantwortung übernehmen müssen – für die Pferde, die wir lieben, und für den Sport, den wir leben und nicht beleidigt sein dürfen, wenn uns eine ganze Gesellschaft bereits mit der Nase voran in die Realität schießt.
Ein letzter Gedanke
Ich will hier niemanden angreifen. Ich will nur eine Frage in den Raum stellen:
Was wäre, wenn wir die Kritik an der Jungpferde-WM nicht als Angriff verstehen würden, sondern als Chance?
Als Chance, den Sport besser zu machen. Als Chance, die Ausbildung fairer zu gestalten. Als Chance, wirklich zu zeigen, dass das Wohl des Pferdes an erster Stelle steht – nicht nur in Worten, sondern in Taten.
Die Kritik wird nicht verschwinden, wenn wir sie ignorieren. Sie wird erst dann verschwinden, wenn wir ihr den Grund nehmen.
Was denkst du? Sind die Pferde bei der Jungpferde-WM zu jung und zu stark gefordert? Oder ist die Kritik übertrieben? Und was können wir tun, um den Sport besser zu machen – für die Pferde und für die Menschen?
Ich bin gespannt auf deine Gedanken.
Herzlich,
Deine Daniela




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